Samstag, 24. Juni 2017

# 105 - Freifahrtschein von der Komfortzone in den Terrorismus

Wenn da noch ein paar Rechnungen offen sind

 

Mit Spanish Bombs taucht Ulf Krämer in die spanische Geschichte während der Franco-Zeit ein, deren tiefe gesellschaftliche Gräben bis in die Gegenwart fortdauern. Vergeben und vergessen - dieses Motto passt zu keinem der Protagonisten.


Die Schatten der Vergangenheit


Anders Sulla ist 38 Jahre alt, ein bestenfalls mittelmäßiger Bühnenschauspieler und mit der vermögenden Nadine verheiratet. Das Paar hat sich in seinem Leben komfortabel eingerichtet: Gemeinsame Kinder soll es nicht geben, man gönnt sich Reisen und andere Unternehmungen und hat Kontakt zu Menschen, die genauso ticken wie man selbst. Das Leben plätschert so dahin, und das, was man in diesen Kreisen als Abenteuer bezeichnet, ist das, was das Programm von Eventanbietern so hergibt. Doch dann erhält Anders, den so gut wie alle, auch seine Frau, nur mit seinem Nachnamen ansprechen, unerwartete Post: Eine spanische Gesellschaft für Erinnerungskultur teilt ihm mit, dass es wahrscheinlich gelungen sei, ein Massengrab aufzuspüren, in dem sich die Gebeine seines Großvaters Joaquin befinden. Dieser habe der republikanischen Brigade Lorca angehört und sei 1954 erschossen worden. In einer Woche sei die Graböffnung in Sevilla vorgesehen, wozu man ihn als Joaquins Enkel herzlich einlade.
Sulla zögert nur kurz und mietet sich dann kurzentschlossen ein Wohnmobil. Ohne Nachricht oder Abschied macht er sich allein auf den Weg nach Andalusien. Die Premiere der Carmen-Adaption, in der er die Rolle des Toreros Escamillo spielen sollte, würde er verpassen, was er leichten Herzens hinnimmt. Doch seine Vorstellung, er könnte auf der Fahrt nach Südspanien etwas Abstand bekommen und den Kopf freikriegen, stellt sich rasch als Trugschluss heraus: Kurz hinter Lyon gabelt er die 17-jährige Deutsche Sophie auf, die offensichtlich verfolgt wird. Mit der Ruhe ist es jetzt vorbei. In Tarragona treffen sie in einer Wohnung von Sophies Internetbekanntschaft Yussuf auf die junge Teresa, die sich ihnen bis Málaga anschließen will und in Sulla den Verdacht weckt, sie könnte eine Terroristin sein. Bei einem kleinen Umweg über Madrid nehmen sie Sullas alten Kumpel Lars in ihre kleine Runde auf. Das macht die Fahrt nicht entspannter.


Wer interessiert sich für die Toten in einem Massengrab?

 

Die amerikanische Kriegsreporterin Ava Svensson ist ebenfalls auf dem Weg nach Sevilla. Auf ihre Initiative hin ist es zu dem offiziellen Exhumierungstermin, zu dem die Angehörigen aller dort bestatteten Freiheitskämpfer eingeladen wurden, gekommen. Auch sie hat eine persönliche Motivation, die sie antreibt: Zusammen mit ihrem Onkel Phil, einem erfahrenen Reporter, und einem Fotografen, war sie in Kolumbien in eine Sprengfalle geraten, die ihren Onkel das Leben gekostet hatte. Er verfolgte damals die Spur seines ermordeten Vaters, dessen Leiche sich in dem andalusischen Massengrab befinden sollte. Jonathan Svensson gehörte allerdings nicht der Brigade Lorca an, sondern war als Reporter in Spanien gewesen. Ava hat das Gefühl, Phil etwas schuldig zu sein und setzt dessen Nachforschungen fort.
Schon kurz nach ihrer Ankunft in Sevilla trifft Ava auf den merkwürdigen Taxifahrer Jésus, der sich auf der Suche nach dem seiner Meinung nach besten Tapaskoch der Welt befindet: Alfonso, der seit Jahren das Restaurant La Orilla betreibt. Alfonso ist von einem Tag auf den anderen wie vom Erdboden verschluckt. Jésus' Nachforschungen gehen zunächst ins Leere, aber nachdem er einen alten Bekannten, den er aus seinen früheren Tagen als Krimineller kennt, um Hilfe gebeten hat, bekommt er eine heiße Spur. Doch es gibt Leute, die die Graböffnung verhindern wollen und die ebenfalls auf der Suche nach Alfonso sind, auch wenn sie ihn nicht unter diesem Namen kennen. Eine ganze Reihe von Menschen muss um ihr Leben fürchten, während andere es so schnell verlieren, dass sie vor ihrem letzten Atemzug nicht mehr zum Nachdenken kommen.

Wie war's?

 

Spanish Bombs wird im Klappentext als Road-Story bezeichnet, was die Atmosphäre sehr gut trifft. Ein großer Teil der Handlung findet auf Straßen oder Parkplätzen statt, und nicht nur Sulla ist in diesem Roman auf der Suche nach der Freiheit und sich selbst. Der Buchtitel schlägt die Brücke zwischen der Diktatur unter Franco sowie der Verfolgung und Ermordung der Widerstandskämpfer durch die spanischen Faschisten und dem gleichnamigen Song der Punk-Band The Clash, der das Thema ebenfalls aufgreift.
Ulf Krämer baut die Geschichte des Widerstands gegen das Franco-Regime und die unrühmliche Rolle der Guardia Civil immer wieder geschickt in die Handlung seines Romans ein. Wer bislang noch nichts über diesen Teil der spanischen Geschichte wusste, erhält so zumindest einen Eindruck dessen, was sich unter der Diktatur des "Caudillo" zwischen 1936 und 1975 in Spanien abgespielt hat. 
Spanish Bombs ist sehr flüssig geschrieben und wird an keiner Stelle langweilig.
Die Handlung ist - locker formuliert - ziemlich abgefahren. An manchen Stellen befindet sie sich auf einem schmalen Grat zwischen einer knappen Glaubwürdigkeit und der beginnenden Zweifelhaftigkeit. 
Ab etwa der zweiten Buchhälfte hätte das Korrektorat gern aufmerksamer sein dürfen. Zu oft finden sich Fehler, die sich störend auf den Lesefluss auswirken.

Spanish Bombs wurde bei epubli veröffentlicht und kostet als Taschenbuch 16,99 €.

 

  

Freitag, 16. Juni 2017

# 104 - Adam und Eva sind in der Gegenwart angekommen

Ein Zukunftsszenario, an dem wir sehr dicht dran sind 

 

2020: Die politische und gesellschaftliche Landschaft in Deutschland hat sich gehörig verändert. Die CSU ficht zum x-ten Mal einen Machtkampf aus, der der Presse aber keine Meldung wert ist. Provinzparteien, die am Boden liegen, interessieren nun mal keinen Menschen. Dieter Bohlen sitzt immer noch in der DSDS-Jury, tauscht aber wieder mal die Mitjuroren aus, weil sie ihm wegen ihres Alters nicht mehr zur Zielgruppe zu passen scheinen. Und die heutigen Global-Player Amazon, Microsoft, Google, Facebook und Apple sind in der Bedeutungslosigkeit versunken, seitdem sie von dem Mediengiganten SkyCorp geschluckt wurden. Dessen Chef Marc Donnelly gibt sich privat äußerst bedeckt und geht auch mit Unternehmensinformationen sehr sparsam um. SkyCorp ist auf dem Weltmarkt so dominant, dass praktisch jede Firma und jede Branche mehr oder weniger von dem Konzern abhängig ist. Ob Internet, Mobilfunk, Datenbanken, Suchmaschinen: 97 % des Marktanteils befinden sich in der Hand des Unternehmens. Doch es gibt Gerüchte, die in Medienkreisen die Runde machen: Die längst erwartete neue Version der Sky-Suchmaschine Sky-Search soll nicht auf den Markt kommen, um irgendetwas zu vertuschen. Das macht den Chefredaktuer bei worldnews.de, Dr. Leo Nolte, hellhörig. Er will ein "frisches Gesicht" für ein Interview auf Donnelly ansetzen und schlägt Eva Röller vor. Vor diesem Hintergrund baut sich die Handlung im Roman Versuchung des Autors und Journalisten Harry Luck auf, der damit bereits sein 14. Buch veröffentlicht hat.


Jungreporterin trifft einflussreichen Strippenzieher


Eva Röller ist eine junge, arbeitslose Nachwuchsjournalistin aus Berlin, die aber immerhin von sich sagen kann, schon mal mit einem spektakulären Interview, das sie mit dem Berliner Innensenator geführt hatte, auf sich aufmerksam gemacht zu haben. Sie hat erst seit Kurzem ihren Bachelor in der Tasche und hofft auf irgendeinen Job, der nicht in der Redaktion eines Werbeblättchens ist. Da kommt ihr das Angebot von Nolte beinahe wie ein Sechser im Lotto vor: Er beauftragt sie, mit dem medienscheuen Donnelly in Bangkok am Hauptsitz von SkyCorp ein Interview zu führen. Den Kontakt zu worldnews.de hält sie über den Kollegen Adam Berger. Eva sieht in diesem Job ihre große Chance und schafft es tatsächlich, einen Termin beim Firmenboss zu ergattern. Doch das Interview läuft nicht so, wie sich es vorgestellt hat, und viel zu spät merkt Eva, dass Donnelly ihr eine Falle stellt, um ihre Glaubwürdigkeit und Seriosität zu untergraben. Doch sie stößt bei ihren Recherchen auf den Namen Tom Baron und erfährt von dem worldnews-Reporter Pöschke, dass dieser für den großen wirtschaftlichen Erfolg der SkyCorp verantwortlich gewesen ist und bereits als Nachfolger von Donnelly aufgebaut worden war, dann aber 2015 nach einer Pressekonferenz plötzlich von der Bildfläche verschwand. Sein Name ist seitdem nirgends mehr aufgetaucht, aber Pöschke weiß, dass Baron noch leben muss: Der ehemalige Geschäftsmann erhält jeden Monat von SkyCorp eine üppige Gehaltszahlung, die ihm auf ein Konto einer Berliner Bank überwiesen wird. Die Situation wird noch undurchsichtiger, als Eva in Bangkok in einen Hinterhalt gerät und ihr Skyphone gestohlen wird. Doch die Unterlagen, die sie kurz zuvor von Pöschke erhalten hat, finden die Täter nicht. Eva setzt ihre Ermittlungen nun in Berlin fort und wird dabei von Adam untertsützt. Die beiden befinden sich in höchster Gefahr, als Eva in den Besitz eines Speichersticks gerät, auf dem sich der Programmcode der neuesten Version von Sky-Search befindet. Mit ihm ist es möglich, alle auf der Welt elektronisch verfügbaren Daten einzusehen und zu manipulieren.

Wie war's?

 

Versuchung  ist ein unterhaltsames Buch, das zeigt, welche Zukunft wir hinsichtlich der Sicherheit und Transparenz unserer Daten möglicherweise noch vor uns haben. Der Roman wurde bereits 2014 als Hardcover herausgegeben und damals noch als Thriller bezeichnet. In der jetzt neu aufgelegten Taschenbuchausgabe spricht Luck nur noch davon, dass sein Buch ein Roman ist. Diesen veränderten Blick würde ich unterstützen, weil ich mir unter einem Thriller ein Werk mit einem besser ausgearbeiteten Spannungsverlauf vorstelle. 
Die von Luck erwünschte Parallele zwischen dem biblischen Paar Adam und Eva und den beiden Journalisten gleicher Namen in Versuchung hätte besser ausgearbeitet werden müssen, um glaubwürdiger zu wirken. An manchen Stellen wirkt die Annäherung der beiden etwas gewollt.

Aber der Autor blickt auch mit Humor auf das, was uns in nur noch drei Jahren erwartet: Er sieht Til Schweiger zum zwölften Mal gleichzeitig als Produzenten und Schauspieler zusammen mit seiner Tochter Emma in seinem neuesten Film "Dosenravioli". Eines ist sicher: Til Schweiger ist da auf einem guten Weg.

Versuchung ist in der mir vorliegenden Taschenbuchausgabe 2017 bei epubli erschienen und kostet 9,99 Euro. 

Freitag, 9. Juni 2017

# 103 - Leben wie Gott im Baskenland

Dort, wo es an jeder Ecke ein Sternerestaurant gibt

 

Gut, "an jeder Ecke" ist etwas übertrieben, aber eines stimmt: In den beiden bekanntesten baskischen Städten Bilbao und San Sebastián findet sich bezogen auf die Zahl der Einwohner die größte Dichte an vom Guide Michelin ausgezeichneten Restaurants. Für 2017 weist der Restaurantführer in Bilbao acht und in San Sebastián sogar neun hochklassige Gourmettempel aus, die mit mindestens einem Stern bedacht wurden. Diese Liebe zu gutem Essen schlägt sich auch auf das Angebot des örtlichen Lebensmittelhandels durch, wo Qualität eine große Rolle spielt.
José Pizarro ist es mit seinem Buch Baskisch gelungen,  seinen Lesern das Lebensgefühl der Basken ein Stück näher zu bringen. Er beschränkt sich nicht nur auf die textliche Darstellung der einzelnen Gerichte, sondern hat aus seinem Kochbuch auch einen Fotoband gemacht.

Das bietet dieses Buch

 

© Laura Edwards
Baskisch beinhaltet 85 Rezepte von Pintxos (baskische Tapas) bis zu Hauptgerichten und ist im Wesentlichen in die Kapitel Fleisch, Fisch, Gemüse und Desserts unterteilt. Für alle, die keine Erfahrung im Kochen von baskischen Gerichten haben, aber gern ein Menü zaubern würden, hält Pizarro einige Vorschläge bereit. Was da auf den ersten Blick nach einer Herausforderung aussieht, wird von ihm gleich etwas entschärft: Viele Gänge können am Vortag oder sogar mehrere Tage im Voraus vorbereitet werden, sodass keine Hektik entsteht.
© Laura Edwards
Das Niveau der einzelnen Gerichte liegt zwischen 'für Anfänger geeignet' und 'anspruchsvoll'; die Zutaten sind in gut sortierten Supermärkten erhältlich. 
Das Buch schließt mit einem Register, in dem die Zutaten alphabetisch aufgelistet sind und ihnen die entsprechenden Rezepte zugeordnet werden.

 



Kaufen?

 

Baskisch ist sein Geld wert. Es überzeugt nicht nur durch seine Gerichte, sondern ist mit so vielen Fotos von Menschen, der baskischen Landschaft, historischen Gebäuden, Stillleben und - ach ja! - baskischen Gerichten ausgestattet, dass man es auch zur Hand nehmen kann, wenn man es nicht als Kochbuch benötigt.
© Laura Edwards
José Pizarro wurde 2014 zu einem der Los 100 españoles más de 2014 influyentes, also zu einem der 100 einflussreichsten Spanier, gewählt. Diese Ehrung wird an Spanier vergeben, die auf ihre spanische Herkunft stolz sind und dies auch durch ihre Tätigkeit öffentlich machen. Er betreibt in London drei spanische Restaurants und wurde 2017 vom Harpers's Magazine auf die Liste der Top 100 der einflussreichsten Menschen aus der Gastronomie gesetzt. Seinen ursprünglichen Plan, als Zahntechniker zu arbeiten, hat er vor mehr als 20 Jahren aufgegeben. Glücklicherweise.

Baskisch wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Es ist im Hölker Verlag erschienen und kostet 29,95 Euro. Außer über die üblichen Vertriebswege kann es auch beim Spiegelburg-Shop bestellt werden.

Ich bedanke mich bei der Abteilung Presse & Öffentlichkeitsarbeit (Michelle Minwegen) des Coppenrath Verlags GmbH & Co. KG, die mir alle Fotos für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt hat.
 



Donnerstag, 1. Juni 2017

# 102 - Schuld, Rache und Vergebung

Von der gnadenlosen Hitze Algeriens ins moderne Frankreich und zurück

 

Baptiste Dumont ist 67, als er eines Nachts einen Anruf aus dem Krankenhaus erhält. Seine geliebte Frau Claire, mit der er seit Jahrzehnten verheiratet gewesen war, hat den Kampf gegen den Krebs verloren. Er ist nun allein; seine Tochter, sein Schwiegersohn und seine Enkelin sind schon vor sieben Jahren nur wenige Tage nach der Geburt des Kindes bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Jetzt, da mit Claire der Mittelpunkt und Anker seines Lebens nicht mehr da ist und er spürt, dass sich auch für ihn unaufhaltsam der Tod nähert, fasst er einen Entschluss: Er verkauft die Wohnung in dem kleinen Dorf in der Provence, in der er mit Claire sein Leben verbracht hat, und schließt sich jungen Leuten an, die mithilfe eines Wohltätigkeitsprojekts das Schulhaus in dem malawischen Dorf Chila um ein Waisenhaus erweitern wollen. Mit der jungen Ella, die mit dem Projektgründer liiert ist, verbindet ihn bald eine besondere Freundschaft. In seinem Debütroman Palast aus Staub und Wind schreibt Haroon Gordon über Freundschaft, Liebe, Hass und Tod.

Frauengefängnis unter algerischer Sonne

 

In den 1930-er bis 1950-er Jahren wachsen im Frauengefängnis Agda zwei Jungen auf: Baptiste ist der Sohn von Gefängnisdirektor Colonel Dumont und von Celine Dumont, die der Familie zuliebe ihre Karriere als Pianistin an den Nagel gehängt hat. Im Gefängnis wächst der nur ein Jahr jüngere Gabriel als Sohn einer Inhaftierten heran, die ihn dort geboren hat. Die beiden sind die einzigen Kinder und werden zu besten Freunden. Doch Baptiste spürt bereits als Jugendlicher, dass die Ehe seiner Eltern belastet ist: Sein Vater hat im Alkohol einen ständigen Begleiter gefunden, die Mutter kapselt sich ab und wird psychisch krank. Doch niemand spricht mit dem Jungen über den Grund für diese Veränderungen. Auch, warum Celine für Gabriel nur Hass übrig hat, ist den beiden Freunden ein Rätsel. 
Erst als junger Mann erfährt Gabriel durch eine ehemalige Mitinsassin seiner Mutter von dem dunkeln Geheimnis der Dumonts. Die Situation eskaliert, es gibt einen mit Absicht Getöteten und einen weiteren, der versehentlich zu Tode kommt. Baptiste hat nie jemandem von seiner Vergangenheit erzählt. Doch während eines Unwetters in Chila, als Ella lebensgefährlich erkrankt und außer Baptiste niemand da ist, bleibt er bei ihr und erzählt der jungen Frau seine Geschichte. Ella wird wieder gesund, doch nun ist Baptiste erkrankt. Als er erkennt, dass sein Ende nah ist, bittet er Ella um ein Versprechen: Sie soll an seiner Stelle nach Agda reisen und etwas für ihn erledigen, damit seine Seele ihren Frieden findet.

Wie war's?

 

Palast aus Staub und Wind ist ein von Beginn an fesselnder Roman mit mehren Wendungen. Haroon Gordons Schreibstil reißt seine Leser von Anfang an mit und lässt sie die Höhen und Tiefen der Figuren hautnah miterleben. Ein brisantes Thema, das auschließlich Ella betrifft, wird am Ende des Romans allerdings zu oberflächlich abgehandelt. Das ist jedoch die einzige Schwäche, die sich das Buch erlaubt.

Palast aus Staub und Wind ist bei hockebooks erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch.de  zur Verfügung gestell. Der Roman kostet als Taschenbuch 12,99 € sowie als E-Book 7,99 €. Mir lag das Buch als E-Book vor.


 



Mittwoch, 31. Mai 2017

Deutschland und die USA: Das waren die Zentren im Mai

Einblicke in die Filmbranche, ins Marktdesign, die Inklusion und in eine forensiche Klinik

 

Und was wird aus mir? fragen sich die Menschen im vor zehn Jahren erschienenen Roman von Doris Dörrie. Die Autorin, die auch als erfolgreiche Regisseurin bekannt geworden ist, verarbeitet in ihrem Buch ihre Erfahrungen aus der Filmbranche, in der die schöne Fassade mehr zählt als der Mensch hinter ihr. Erfolg und Absturz liegen dicht beieinander. 
Ein gut geschriebener Roman, der mehrere gesellschaftliche Phänome behandelt.












Wer kriegt was und warum? des Wirtschaftswissenschaftlers und Nobelpreisträgers Alvin E. Roth erklärt, was es mit Marktdesign auf sich hat und erläutert das Prinzip eines Matching Markets: Es ist nicht möglich, sich nur einfach etwas oder jemanden auszusuchen, sondern man muss ebenfalls ausgesucht werden. Seine Leser erfahren, was es mit einer Marktverstopfung oder Verfrühung auf sich hat und erhalten die Möglichkeit, ökonomische Prozesse aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Ein Buch, das sich auch an Leser richtet, die sich bislang noch nicht näher mit Wirtschaftsthemen oder -theorien beschäftigt haben.
2015 stellte sich Roth einer Google-Diskussion mit dem emeritierten Professor Hal Varian, der seit zehn Jahren als Chef-Ökonom für Google arbeitet, zum Thema Marktdesign:

 

  
Michael Felten, der in der Schulentwicklung, der Lehrerausbildung und seit 35 Jahren als Lehrer tätig ist, hat sich in seinem Buch Die Inklusionslüge kritisch damit beschäftigt, wie gut oder schlecht es in Deutschland, aber auch in anderen Ländern bisher gelungen ist, behinderten Schülern in Regelschulen gerecht zu werden. Er ist keineswegs ein Gegner der Inklusion, lehnt sie aber in der Form ab, in der sie in Deutschland ganz überwiegend praktiziert wird. Da von dem Erfolg oder Scheitern der Inklusion nicht nur die behinderten Kinder, sondern auch ihre nicht-behinderten Mitschüler sowie die involvierten Lehrkräfte betroffen sind, ist dieses Thema für die gesamte Gesellschaft von Interesse.  
Michael Felten hat sich im Rahmen einer Interviewreihe, die im Zusammenhang mit den Landtagswahlen in NRW 2017 aufgelegt wurde, zur schulischen Inklusion geäußert:



Mit Das forensische Gemetzel der Autorin A. C. Scharp habe ich einen Roman vorgestellt, der sich sehr unterhaltend mit der verwickelten Situation in einer forensischen Psychiatrie in einem kleinen Kaff beschäftigt. Das Geheimnis des Chefpsychiaters droht aufzufliegen. Dies kann er nur verhindern, indem er einen der Insassen, einen Frauenmörder, umbringt. Er hat Skrupel, aber seine Existenzängste sind größer als diese. Doch die Ereignisse nehmen einen für alle unerwarteten Verlauf. Dass auch das Klinikpersonal jenseits dessen ist, was man als normal bezeichnen würde, steht außer Frage.
Alles, was die Autorin sonst noch macht, lässt sich auf ihrer Homepage nachlesen. 






Das war der Mai, und ich hoffe, euch hat der bunte Mix gefallen. Wir sehen uns im Juni wieder!

 

Freitag, 26. Mai 2017

# 101 - Wer ist hier eigentlich verrückt?

In der Provinz sterben die Menschen wie die Fliegen

 

Nach dem Lesen des neuesten Romans von A. C. Scharp Das forensische Gemetzel drängt sich vor allem eine Erkenntnis auf: Tut alles, um niemals in eine forensische Psychiatrie zu kommen. Und schon gar nicht in die von Frackhausen. 

Ein Geheimnis zu viel 

 

Die forensische Klinik von Frackhausen ist der Dreh- und Angelpunkt in diesem Roman und das unfreiwillige Zuhause von notorischen Brandstiftern, Serienmördern und Kannibalen. Der kleine Ort hat sich mit ihrer Anwesenheit  einigermaßen arrangiert, man lebt unaufgeregt nebeneinander her. Das ändert sich schlagartig, als bekannt wird, dass in Kürze ein neuer Patient eingeliefert werden soll: Der ehemalige Frackhausener Bürger und Polizist Henning Mansen hatte es sich vor Jahren zu seiner Mission gemacht, die von ihren Ehemännern drangsalierten Frauen seines Heimatortes von ihrem Leid zu erlösen und ihnen eine bessere Zukunft im Jenseits zu ermöglichen. Aufgrund der von ihm als Wohltätigkeit eingestuften Morde hat das kleine Kaff seitdem vier Witwer mehr. Die Nachricht von Mansens Rückkehr löst bei den Einheimischen keine Begeisterung aus. Die vier unfreiwillig alleinlebenden Männer sind über den Umstand, dass derjenige, der ihnen ihre Gattinnen und damit ihr Personal und ihre Opfer genommen hat, sie jetzt mit seiner Anwesenheit quasi verhöhnt, ziemlich aufgebracht. Sie sind sich schell einig: Mansen muss weg! Und zwar endgültig und ohne Rückfahrschein. Seine Ermordung ist da schnell beschlossene Sache. Nur wollen sich die Vier weder selbst die Hände schmutzig machen, noch wissen sie, wie sie sich Mansen so weit nähern könnten, dass eine Ermordung möglich wäre. Doch auch dieses Problem wird recht schnell gelöst: Es muss jemand anders her. Jemand, der dem Serienmörder nahe genug kommt, um ihm den Garaus machen zu können. Die Witwer verfallen auf eine grandiose Idee: Um die Sache möglichst zuverlässig und kostenneutral zu gestalten, muss sich jemand vom Klinikpersonal um Mansens Ableben kümmern. Jemand, der Dreck am Stecken hat und somit erpressbar ist. Da einer der vier Männer über sehr gute Computerkenntnisse verfügt, ist die richtige Person schnell gefunden: Der Chefpsychologe Mike Sanger hat eine derart klaffende Lücke in seinem beruflichen Lebenslauf, dass seine Existenz auf einen Schlag vernichtet wäre, wenn Details bekannt würden. 
  

Chefpsychologe schlittert von einer Bredouille in die nächste 

 

Sanger ist attraktiv, mit einer ihn fast täglich prügelnden Frau verheiratet und der Schwarm der drallen Schwester Dörte. Die werte Gattin zu verlassen ist für ihn keine Option: Sie weiß von seinem Problem mit dem Lebenslauf und würde im Fall einer Trennung wahrscheinlich nicht zögern, die Bombe platzen zu lassen. In der Klinik kann er sein Geheimnis bis jetzt gut kaschieren. Das führt aber auch dazu, dass er sich nicht in der Lage sieht, Patienten mit einer guten Prognose zu entlassen. Die Folge: Das Haus ist bis zum Anschlag belegt, der Landrat übt deshalb Druck auf den Klinikchef Dr. Mäuchel aus, der diesen gern an seinen Chefpsychologen weitergibt. Da flattert ein ungelenk formuliertes Schreiben auf Sangers Schreibtisch: Jemand will, dass er für Henning Mansens Tod sorgt. Anderenfalls würde die Klinik von Sangers Geheimnis erfahren. 
Die Drohung wirkt. Sanger will auf jeden Fall verhindern, bloßgestellt zu werden und durchdenkt mehrere mögliche Tathergänge. Doch die Sache eskaliert, und am Ende sind mehrere Hundert Menschen tot. 

Wie war's?

 

Das forensische Gemetzel ist ein flott und unterhaltend geschriebener Roman, der beim Lesen Zweifel aufkommen lässt, ob die Patienten hier wirklich einen größeren Sprung in der Schüssel haben als das Klinikpersonal. 
Das Buch ist voll schwarzem Humor, aber hat trotz der vielen Leichen nichts von einem Krimi. An manchen Stellen wäre es allerdings schön gewesen, wenn einige Situationen lebensnäher und wahrscheinlicher gestaltet worden wären. So geht dem Roman etwas von seiner Glaubwürdigkeit verloren. Doch die eigene Beschreibung der Autorin trifft es genau: Das forensische Gemetzel ist für Liebhaber der burlesken Absurdität.

Das forensische Gemetzel ist als Self-Publishing-Ausgabe erschienen und kostet als Taschenbuch 9,99 Euro und als Kindle-Edition 2,99 Euro.

Freitag, 19. Mai 2017

# 100 - Inklusion auf Teufel komm raus?

Wohin mit dem behinderten Kind?

 

Der Autor Michael Felten ist in Nordrhein-Westfalen als Lehrer, Schulentwicklungsberater und in der Lehrerausbildung tätig. In seinem Buch Die Inklusionsfalle sieht er sich an, wie die Inklusion von behinderten Schülern schwerpunktmäßig in NRW, aber auch in anderen Bundesländern und im Ausland funktioniert.

Inklusion in Deutschland - wem kommt sie zugute?

 

Das hört sich doch erstmal toll an: Kein Kind wird zurückgelassen, behinderte Kinder sollen vorrangig eine Regelschule - also eine Haupt- oder Realschule oder das Gymnasium oder wie Schulen der Sekundarstufe in Deutschland heute noch heißen mögen - besuchen. Das ist nicht nur die Vorstellung der noch amtierenden NRW-Landesregierung, sondern auch das gut gemeinte Motto in anderen Bundesländern. Die, die so etwas propagieren, berufen sich auf die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, der Deutschland 2009 beigetreten ist. Da Bildung Sache der Länder ist, wird dieses Thema in 16 Abwandlungen angegangen und umgesetzt. Wie Michael Felten hier anhand von Praxisbeispielen und Literaturquellen dokumentiert, ist es nicht unbedingt das Kindeswohl, das bei der Neustrukturierung der Bildungslandschaft an erster Stelle steht.

Ohne Moos nix los - ist die Inklusion ein gut getarntes Sparschwein?

 

In zahlreichen Bundesländern läuft die schulische Inklusion nach folgendem Muster ab: So viele Behinderte wie möglich sollen die Regelschulen besuchen, im Gegenzug werden nach und nach Förderschulen geschlossen. Die Sonderpädagogen, die dort bislang fest beschäftigt waren und Klassen von 4 bis 16 Schülern unterrichteten, sind jetzt gleichzeitig an bis zu acht Regelschulen tätig, an denen sich behinderte Schüler mit einem Förderbedarf befinden. Das bedeutet, dass sie in jeder dieser Schulen nur wenige Stunden pro Woche sind, während sie nach dem alten System eine echte Bezugsperson für ihre Schüler sein konnten, da auch die Zeit für ein persönliches Gespräch mit ihnen da war. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Da sitzt dann ein verhaltensauffälliges oder geistig behindertes Kind inmitten einer "normalen" Klasse und soll den größten Teil der Zeit von einer mit dieser speziellen Problematik allein gelassenen Lehrkraft angepasst an seine persönlichen Bedürfnisse unterrichtet werden. Bei diesem Modell kommen alle Beteiligten zu kurz: Der Lehrer an der Regelschule, der durch die Schulen nomadisierende Sonderpädagoge und auch die Schüler - die behinderten ebenso wie die nicht-behinderten.
Besondere Blüten treibt diese Entwicklung im Land Bremen: Dort wurden kurzerhand der Studiengang Sonderpädagogik und die Förderschulen abgeschafft. Ist ja auch logisch: Wo es keine Förderschulen gibt, braucht kein Mensch Sonderpädagogen. Statt dessen bietet das Land einen lauen Ersatz: Lehkräfte an Regelschulen können sich innerhalb von zwei Jahren berufsbegleitend zum Thema Sonderpädagogik fortbilden. Auch Nordrhein-Westfalen zeigt sich in der Ausbildung der Sonderpädagogen kreativ: War es bislang üblich, dass sich die Studenten schwerpunktmäßig auf zwei der sieben der in NRW festgelegten Förderschwerpunkte konzentrierten, werden sie nun für alle ausgebildet. So wissen sie von allem ein bisschen, aber von nichts wirklich viel.

Auf dem Papier gilt die freie Schulwahl

 

Eltern können sowohl in Nordrhein-Westfalen als auch in anderen Ländern wie z. B. Niedersachsen wählen, ob ihr behindertes Kind an einer Regel- oder einer Förderschule unterrichtet werden soll. Aber diese Wahlmöglichkeit besteht zunehmend nur noch auf dem Papier: Wo eine Förderschule nach der anderen ihre Türen schließen muss, werden die Wege bis zur nächsten geeigneten Schule so weit, dass die betroffenen Kinder einen halben Tag in einem Sammeltransport verbringen müssen - und das fünf Mal pro Woche mit oft schweren körperlichen und/oder geistigen Einschränkungen. Das ist für ihre Eltern wie die Wahl zwischen Pest und Cholera: Es gilt, die Zumutung einer viel zu langen Anfahrt gegen die völlig unzureichenden Zustände in einer Regelschule aufzuwiegen.

Michael Felten ist keineswegs ein Gegner von Inklusion. Er prangert jedoch an, unter welchen Umständen sie stattfindet und dass für eine tatsächliche Inklusion, die diesen Namen auch verdient, deutlich mehr Geld ausgegeben werden müsste. Damit ist allerdings nicht zu rechnen. Statt dessen sonnen sich die Bundesländer in ihren allmählich ansteigenden Inklusionsquoten und sehen diese als Beweis für ihre erfolgreichen Bemühungen zugunsten der Behinderten an.
Gern wird Italien als europäischer Leuchtturm der Inklusion genannt: Seit Ende der 1970-er Jahre gibt es dort die schulische Inklusion. Bei näherem Hinsehen entpuppt sie sich allerdings nur als Instrument der Kosteneinsparung. Förderschulen gibt es dort gar nicht mehr, statt dessen besuchen alle behinderten Schüler normale Schulen. Dort sind Integrationslehrer tätig, die nur über eine kurze Ausbildung verfügen, die ihnen die einzelnen Behinderungen in groben Zügen vermittelt. Die betroffenen Schüler werden alle gleich behandelt, egal, ob sie blind, hörbehindert, verhaltensauffällig, körperbehindert oder geistig beeinträchtigt sind. Lerntechniken, die es überhaupt erst möglich machen, dem Unterrichtsstoff zu folgen, müssen irgendwie außerhalb der Schule erworben werden. Unter solchen Rahmenbedingungen wird die Schule nicht zu einer Bildungs- sondern nur zu einer Verwahranstalt, die ihre behinderten Schüler nicht auf das Leben, sondern auf die Arbeitslosigkeit oder eine Fortsetzung der Verwahrung vorbereitet - auch dann, wenn der Schulbesuch unter günstigeren Voraussetzungen erfolgreich hätte sein können.

Wer sollte dieses Buch lesen?

 

Das Buch ist nicht nur für Eltern von behinderten Kindern interessant, sondern auch für diejenigen Eltern, deren Kinder nicht beeinträchtigt sind. Die von der Politik gesteuerten Fehlentwicklungen gehen jedoch letztlich die ganze Gesellschaft an. Ich wünsche mir, dass Die Inklusionsfalle auch von Politikern und Verantwortlichen der Schulverwaltungsbehörden gelesen wird, damit es zu einer Korrektur des bisherigen Kurses kommt. Wer nicht bereit ist, so viel Geld auszugeben, wie nötig ist, damit für jedes Kind ein für es geeigneter Förderort bereitgehalten werden kann, sollte sich nicht öffentlich als Befürworter der Inklusion und Unterstützer der Behinderten präsentieren. 
  
Die UN-Behindertenrechtskonvention schreibt übrigens nirgends den gemeinsamen Schulbesuch von behinderten und nicht-behinderten Kindern vor. Sie fordert einen "Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen" sowie die "notwendige Untertsützung, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern". Die Konvention sieht, dass "das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt" ist, "der vorrangig zu berücksichtigen ist". Außerdem stellt sie klar, dass "besondere Maßnahmen, die zur Beschleunigung oder Herbeiführung der tatsächlichen Gleichberechtigung von Menschen mit Behinderungen erforderlich sind, nicht als Diskriminierung im Sinne dieses Übereinkommens gelten". Von einem Zwang zur gemeinsamen Beschulung ist, erst recht unter den geschilderten Umständen, nirgends die Rede.

Die Inklusionsfalle ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen und wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt. Die gebundene Ausgabe kostet 17,99 €, als epub- oder Kindle-Edition ist das Buch für 13,99 € zu haben.

Nachtrag: Wer sich jetzt spontan empört und findet, dass ich vom Thema keine Ahnung habe und mich diskriminierend verhalte, kann sich hier oder hier ein erstes Bild von mir machen.

 

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