Samstag, 19. August 2017

# 113 - Es geht ums Geld

Den Durchblick haben - mit diesem Buch klappt's

 

Manche Menschen werfen es sinnbildlich zum Fenster raus, andere hüten es wie ihren Augapfel und die Dritten haben ein entspanntes, problemloses Verhältnis zu ihm: Die Rede ist vom Geld. In seinem Buch Verstehen Sie Geld? beginnt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl mit seiner Erklärung, was es mit dem, wonach so viele streben, auf sich hat. Er schaut zurück in die Zeit, als die Menschheit noch kein Geld kannte, sondern nur Waren gegeneinander tauschte. Ab 500 v. Chr. tauchten die ersten Gold- und Silbermünzen auf, doch auch sie mussten noch weiter verbessert werden, denn Betrüger gibt es nicht nur heute, sondern sie hat es schon immer gegeben. Aber dieser Rückblick nimmt nur einen kleinen Teil seines Buches ein. Çöl kommt zügig in der Gegenwart mit ihren Geldströmen und Finanzmarktmechanismen an.


Wachstum über alles?

 

Ohne Geld geht heute rein gar nichts: Wir können keine Miete zahlen, uns keine Lebensmittel kaufen, uns nicht einkleiden und nichts leisten, was über unsere Grundbedürfnisse hinausgeht. Und was passiert, wenn wir am Ende des Monats ein paar Euros übrig haben? Früher war alles klar: "Spare in der Zeit, dann hast du in der Not" haben noch viele von uns im Ohr. Soll heißen: Halt dein Geld zusammen, kauf nur, was du dir leisten kannst und mach nach Möglichkeit keine Schulden. Wenn man sich umsieht, kann man sich jedoch leicht so fühlen, als gehörte man damit zu den ewig Gestrigen: Konsum ist angesagt, und die unschlagbar niedrigen Sollzinsen lassen bei vielen Menschen die Bereitschaft, einen Kredit für Konsumgüter aufzunehmen, steigen. Wem kommt das zugute? Zuerst den produzierenden Unternehmen, keine Frage, aber eben nicht nur ihnen. Doch was passiert, wenn viele oder wenige Güter nachgefragt werden? Und warum greift der Staat wirtschaftlich schlingernden Konzernen immer wieder unter die Arme? Wie groß ist die Verbundenheit von Staat und Wirtschaft? Und was hat es eigentlich mit der sogenannten Rettung der ökonomisch schwachen EU-Mitgliedsländer wie z. B. Griechenland durch die Europäische Zentralbank (EZB) auf sich? Wie kann es sein, dass da immer wieder neue "Rettungspakete" geschnürt werden, aber sogar Bürger, die das Ganze nur am Rande mitbekommen, ahnen, dass das alles mit dem, was man sich im Allgemeinen unter einer Rettung vorstellt, herzlich wenig zu tun hat?

Die Deutschen - ein total konservatives Anlegervolk

 

Die Deutschen sind in puncto Geldanlagen so flexibel wie Eisenbahnschienen. So oder so ähnlich klingt der sich stetig wiederholende Vorwurf aus der Finanzwirtschaft - also aus der Ecke, wo die sitzen, die sich in Gelddingen angeblich viel besser auskennen als der durchschnittliche Normalbürger. Aktien werden als die Anlageform der Stunde propagiert, das Sparbuch mit seinen insbesondere aktuell mikroskopisch kleinen Zinsen ist nur etwas für Leute, die sich vom Totgesagten nicht trennen mögen. Çöl erläutert in klaren und leicht verständlichen Sätzen, was hinter diesen Aussagen steckt und dass man von den Verbrauchern ihr Bestes will - ihr Geld. Er erklärt auch, warum Regierungen und Unternehmen die Zahlen zum Wirtschaftswachstum so wichtig sind und weshalb es aus ihrer Sicht hier nur eine Richtung geben darf: aufwärts. Der Autor erläutert jedoch auch, was gegen die Rettung von Firmen mithilfe von Steuerngeldern spricht, warum die Zinspolitik der EZB zutiefst ungerecht ist, was man gegen die Anfeuerung des Wirtschaftswachstums haben kann oder wieso das Heil für den Einzelnen nicht unbedingt in Aktien liegt. Und: Er spricht sich deutlich und mit gut nachvollziehbaren Argumenten gegen die Abschaffung des Bargelds aus und plädiert an seine Leser, sich beim Konsum auf seine Selbstverantwortung zu besinnen.

Lesen?

 

Davut Çöl bietet in Verstehen Sie Geld? einen sehr informativen Rundumblick: Nach der Lektüre seines Buches ist klar, wozu Geld dient, welche Marktmechanismen und Geldkreisläufe für unsere Wirtschaft eine Rolle spielen, wie Konsumenten gelenkt werden und wie der Autor die künftige Entwicklung des Geldmarkts einschätzt. Das alles in auch für Laien gut verständlicher Sprache und mit Erklärungen, die das zunächst kompliziert Erscheinende mit einfachen Beispielen aus dem Alltag verständlich werden lassen. Das Buch eignet sich also nicht nur für am Thema Wirtschaft Interessierte, sondern auch für alle, die den Wirtschaftsteil der Zeitung bislang immer rasch zur Seite gelegt haben.

Verstehen Sie Geld? ist bei tredition erschienen und kostet als Paperback-Ausgabe 19,90 €, als Hardcover 27,90 € sowie als E-Book 14,90 €.

Freitag, 11. August 2017

# 112 - Ein irrer Killer terrorisiert London

Die Taktik: Feuer mit Feuer bekämpfen

 

Detectiv Sergeant Brant ist das genaue Gegenteil dessen, was sich der Bürger unter einem Polizisten vorstellt: Er säuft bis zum Umfallen, ist kinderleicht korrumpierbar und ganz sicher nicht der Typ Mensch, den man sich als Schwiegersohn wünscht. Der Krimi Brant des irischen Schriftstellers Ken Bruen ist nach den Titeln Füchsin und Kaliber der dritte Band der in London spielenden Romanreihe um den Polizeibeamten Tom Brant.

Polizeiarbeit eines unsympathischen Ermittlers

 

Brant muss sich wieder einem ungewöhnlichen Fall widmen: Ein Unbekannter ruft Chefreporter Dunphy des Käseblattes  Tabloid an, um ihm mitzuteilen, dass er vorhat, Polizisten zu ermorden. Er bräuchte jetzt nur noch einen Tipp, wie viele es insgesamt werden sollten. Dunphy wittert seine berufliche Chance und denkt nicht im Traum daran, die Polizei zu informieren. Was noch niemand weiß: Bei diesem Typen handelt es sich um einen kokainsüchtigen Verrückten, der auch zu Wodka oder Red Bull greift, wenn gerade kein Koks zur Hand ist. So geistig unterbelichtet Barry Weiss auch ist, er meint seine Drohung todernst. Er giert nach Aufmerksamkeit und will unbedingt in die Zeitung oder noch besser: ins Fernsehen. Und dann summiert sich Barrys Bullenhass auf: Durch den Hinweis eines örtlichen Streifenpolizisten wird die Steuerfahndung auf seinen Marktstand an der Waterloo Station aufmerksam, was ihn sein Geschäft kostet. Dann verliert er nach der Anzeige eines Verkehrspolizisten wegen Trunkenheit am Steuer seinen Führerschein, und als ob das noch nicht reichen würde, taucht eine schwarze (!) Polizistin bei Barry auf, weil die Nachbarn sich über ihn wegen Lärmbelästigung beschwert haben, und liest ihm die Leviten. Zum Schluss dann quasi das Sahnehäubchen der polizeilichen Verfolgung: Als Barry gerade aus der Kneipe kommt, erleichtert er sich an der Mauer einer Kirche. Die Folge: Verhaftung wegen öffentlichen Ärgernisses. Das Maß ist voll. Barry will sieben Polizisten töten. Der achte soll erst ganz zum Schluss an die Reihe kommen: Brant. Der hatte Barry vor ein paar Jahren in einer Billardhalle mit einem Queue niedergeschlagen, als er ein paar Pakistani aufmischen wollte. Mit einem Fußtritt hatte Brant Barry vor die Tür befördert und vorher daran gedacht, dem Krawallmacher eine Billardkugel zwischen die Kiefer zu schieben. Für Brant muss es etwas ganz Besonderes, etwas Spektakuläres sein.

Wenn man erstmal dabei ist, geht es ganz leicht

 

Die erste Polizistin erschießt Barry buchstäblich im Vorbeigehen auf der Straße. Niemand hält ihn auf. Kurz darauf erschießt er einen Streifenpolizisten, noch ehe der sein Fahrzeug verlassen kann. Auch diese Aktion kommt so unvermittelt, dass Barry unbehelligt in den nächsten Bus steigen kann. Doch Brant, der die Polizistenmorde aufklären soll, arbeitet nicht mit klassischen Mitteln. Er nutzt sein Spitzelnetzwerk und bekommt schon bald einen ersten, aber noch vagen Hinweis auf Barry Weiss.
Barry macht derweil Inventur und merkt, dass ihm die Munition ausgegangen ist. Doch es geht doch nichts über einen guten, schweren Hammer. Der wird dann auch gleich für den nächsten Mord an einem pensionierten Streifenpolizisten eingesetzt: Barry erschlägt den Alten brutal in seiner Wohnung, die er dann in Brand setzt, um die Spuren zu verwischen. Bei diesem Überfall erbeutet er zufällig etwas Wertvolles: das Adressbuch des Toten, in dem sich eine ganze Reihe von Privatanschriften Londoner Polizisten befindet - auch die von Tom Brant. Er ahnt noch nicht, dass man ihm auf der Spur ist, auch wenn die Ermittlungen eher in Trippelschritten vorangehen. Barrys durch Drogen und Alkohol vernebeltes Hirn und sein übersteigertes Ego verhindern eine klare Sicht auf die Realität. Das Schicksal, das auf ihn wartet, ist mindestens so gnadenlos wie er selbst.

Wie war's?

 

Brant gehört in die Kategorie der Crime Noir, die sich durch eine düstere Grundstimmung und ein unklares Ende auszeichnet. Die Personen - allesamt Menschen, die ein ganzes Stück von dem entfernt sind, was man als "normal" ansehen würde - sind charakterlich klar gezeichnet, im Laufe der Handlung wird nichts beschönigt. Den Ekel bei besonders blutigen Szenen gibt's obendrauf. Trotz der finsteren Grundstimmung sind da jedoch immer wieder hoffnungsvolle Momente, die wie ein dünner Lichtstrahl die Düsternis zerteilen: Ein sehr gegensätzliches Paar findet sich, einem frisch verwitweten Polizisten wird beigestanden, indem man mit ihm nicht nur zur armseligen Beisetzung seiner verstorbenen Frau geht, sondern mit ihm gleich danach zu einem Saufgelage aufbricht.
Dieser Krimi gehört in eine Kategorie, über die man sagen könnte "Muss man mögen". Dass Brant Geschmackssache ist, trifft in besonderem Maße zu. Das Buch ist es auf jeden Fall wert, sich diesem Genre einmal zu nähern.

Brant ist im Polar Verlag erschienen und wurde mir von bloggdeinbuch zur Verfügung gestellt. Der Titel kostet als Klappenbroschur 16 € und als epub- oder Kindle-Edition 10,99 €.

Freitag, 4. August 2017

# 111 - Ein Gepeinigter setzt sich zur Wehr

Ein Kinderleben vor 100 Jahren im Deutschen Reich 

 

Karl Reitz wird im März 1920 als achtes Kind von Eduard, einem verbeamteten Bahnheizer, und seiner Frau Mathilde im hinterpommerschen Jadrow geboren. Er ist seine ganze Kindheit und Jugend hindurch deutlich kleiner als alle anderen Gleichaltrigen, was seine Mutter insgeheim auf ihre Affäre mit dem Dorfkrämer zurückführt: Auch der ist sehr viel kleiner als die anderen Männer im Dorf. Doch dass Karl ein Kuckuckskind sein könnte, soll nicht zu ihrem oder Karls größten Problem werden. 
Edelhard Callies schildert in seinem Roman Es brennt das ganze Kind sogar, wie man im Nationalsozialismus mit Behinderten umging und dass es oft schon reicht, nicht ganz der Norm zu entsprechen, um von seinen Mitmenschen aussortiert zu werden.

Kinder sind grausam? Nicht nur sie

 

Seine Körpergröße verfolgt Karl wie ein Fluch: Der Dorflehrer macht von Anfang an Witze über ihn, und bei den Nachbarn reicht das Repertoire der "Nettigkeiten" von Schrumpfgermane bis zu Wurzelzwerg. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird über die Körpergröße des Jungen gefrotzelt. Karl leidet sehr darunter, aber er hat zu Hause keine große Unterstützung: Sein Vater ist ein zur Gewalt neigender und aufbrausender Despot, der keinen Widerspruch und schon gar keine Abweichung von den von ihm aufgestellten Regeln duldet. Seiner Frau und seinen Kindern räumt er keinerlei Mitspracherechte ein; 1937 beschließt er beispielsweise, dass Karl eine Lehre als Schriftsetzer machen muss und die Familie ihr Haus verkauft und in die Stadt zieht. Seine Mutter ist eine charakterlich zu schwache Person, um ihren Jüngsten gegen den Vater und die hänselnden Dorfbewohner in Schutz zu nehmen. Nur seine zwei Jahre ältere Schwester Marlene, die von allen Lenchen gerufen wird, ist ihm ans Herz gewachsen: Sie ist immer fröhlich und freundlich, aber wegen eines Herzfehlers körperlich nicht sehr leistungsfähig  - wie viele Menschen mit einem Down-Syndrom. Die Großeltern, die ebenfalls in Jadrow wohnen, sind für den Jungen eine Zuflucht. Zu ihnen kann er sich retten, wenn er es zu Hause gar nicht mehr aushält.
Als Karl zehn Jahre alt ist, zieht eine neue Familie aus Bayern ins Dorf und deren Sohn Hans wird zu Karls bestem und einzigem Freund. Mit Hans ist endlich jemand da, der sich auch dann vor Karl stellt und sich für ihn einsetzt, wenn es mal brenzlig wird und die anderen Jungen Karl mal wieder aufs Korn genommen haben. Doch diese Freundschaft findet ein jähes Ende, als Hans im Dorfweiher ertrinkt. Karl hatte noch versucht, ihn zu retten, aber es nicht geschafft. 
Karl hat schon lange davor beschlossen, die ständigen Demütigungen nicht mehr auf sich beruhen zu lassen und beginnt, sich für jede einzelne zu rächen. Dabei gehen Gebäude in Flammen auf, die Besucher des Dorffests erleiden Brechdurchfall und ja: Tote gibt es auch.

Aus den Augen, aus dem Sinn?

 

Das Jahr 1934 bringt für die Familie Reitz eine Zäsur mit sich: Schon vor einiger Zeit hatte der Dorflehrer, ein strammer Nationalsozialist und HJ-Untergruppenführer, den Eltern  zu verstehen gegeben, dass Lenchen wegen ihrer geistigen Einschränkung zu Hause nicht mehr gut aufgehoben sei und deshalb lieber in einem Behindertenheim untergebracht werden sollte. Die mit der Situation überforderten Eltern stimmen dem Lehrer, der in der damaligen Zeit zum Kreis der Respektspersonen gehörte, zu. Die Mutter begleitet ihre Tochter auf dem Weg in ihr künftiges Zuhause und beruhigt ihren jüngsten Sohn, der sich schon bei Lenchens Abreise Sorgen um sie macht. Karl soll recht behalten: Fünf Jahre später erhält die Mutter einen Brief des Behindertenheims, in dem ihr mitgeteilt wird, dass ihre Tochter verstorben ist. Die angebliche Todesursache: ein perforierter Blinddarm. Karl erkennt die Lüge sofort: Seine Schwester hatte schon keinen Blinddarm mehr, als sie in die Anstalt gebracht worden war. Für den jungen Mann ist klar, dass Lenchen ermordet wurde. Beweisen lässt sich das allerdings nicht mehr: Ihre Leiche wurde bereits verbrannt, die Familie kann ihre Asche jedoch bekommen, wenn sie vorher eine Gebühr für den Versand entrichtet. Für Karl ist es völlig klar: Der Tod der Lieblingsschwester darf nicht ungesühnt bleiben.

Tragik und Verzweiflung gehen Hand in Hand

 

Edelhard Callies zeichnet in seinem Buch das Porträt eines in jeder Hinsicht im Leben zu kurz Gekommenen: Seine Körpergröße macht Karl Reitz in jeder Phase seines Lebens einen Strich durch die Rechnung. In ihm brennt die Flamme des Hasses, die mit jeder Erniedrigung immer größer wird.
Es brennt das ganze Kind sogar ist wegen seiner Nähe zu historischen Fakten lesenswert: Behinderte galten im Dritten Reich als unwertes Leben. Viele von ihnen wurden in Heimen, die sich als Heil- und Pflegeanstalten bezeichneten, weggesperrt und dort getötet. In zahlreichen Fällen gingen ihrem Tod medizinische Experimente voraus. Tausende Behinderte wurden so zugunsten der "Volksgesundheit" eliminiert. Der Autor greift auch eine Rechenaufgabe auf, die es an deutschen Schulen tatsächlich gegeben hat: Sie soll schon Kindern vor Augen führen, wie teuer es das deutsche Volk kommt, "Geisteskranke" durchzufüttern.
Mit der "Aktion T4" leiteten die Nationalsozilisten in Deutschland ihr Vernichtungswerk ein: 1939 begonnen, forderte die Aktion innerhalb eines Jahres etwa 70.000 Tote - allesamt Kranke und Behinderte. Wie im Buch beschrieben wurden die Leichen rasch verbrannt, um Nachforschungen der Angehörigen zu verhindern.
Es brennt das ganze Kind sogar ist ein Buch, das den Leser in seinen Bann zieht, auch wenn einzelne Szenen etwas besser hätten ausformuliert werden können.  
Der Roman ist 2017 bei epubli als Taschenbuch erschienen und kostet 10,99 Euro. Er wurde mir als Rezensionsexemplar von indie publishing zur Verfügung gestellt.

Mittwoch, 2. August 2017

Eine Besonderheit aus Afrika, ein totes Kind, ein starker König und ein zweifelndes Paar

Viel Abwechslung im Juli


Der mit den Glasaugen von Marta Monti machte in diesem Monat den Anfang: Der fünfjährige Jan verschwindet aus dem Haus seiner Mutter, und die Kripo Bern, allen voran das Ermittlerduo Beta und Bertschi, machen sich auf die Suche nach dem Kind. Was zu Beginn der Fall eines Ausreißers hätte sein können, entpuppt sich später als Mord. Dieser Krimi kam bei mir nicht besonders gut weg: Der Spannungsbogen hat ein paar Dellen, und an Logik und Schlüssigkeit besteht durchaus Optimierungsbedarf. Auch der Umgang mit der Grammatik war ein Kritikpunkt.










In Die verborgene Schönheit der Sterne steht ein kinderloses Ehepaar aus Berlin im Mittelpunkt, das sich in und mit seinem Leben arrangiert hat. Doch dann platzt eine todbringende Diagnose in ihr Leben, die alles verändert: Ihre Vorstellungen von Treue und Zusammenhalt und darüber, was im Leben wirklich wichtig ist, werden auf die Probe gestellt. Karen Hilgarth hat einen einfühlsamen Roman geschrieben, der glücklicherweise nie ins Kitschige oder Gefühlsduselige abgleitet. Karen Hilgarth stellt sich auf ihrer Autorenseite bei Facebook vor.













An diesem Buch konnte ich nicht vorbeigehen: Libreville von Janis Otsiemi ist der erste Roman aus dem westafrikanischen Gabun, der jemals ins Deutsche übersetzt wurde. Mein Eindruck: Die Struktur dieses Krimis hat nichts mit dem gemeinsam, was wir gewohnt sind. Auch wenn der Klappentext diesen Eindruck vermittelt, geht es nicht nur um einen einzigen Fall, dem die Polizei hier auf der Spur ist, sondern auch um drei weitere, die nichts miteinander zu tun haben. Wie nebenbei lernt der Leser eine Menge über die Geschichte des Landes, die sozialen Verhältnisse und darüber, dass Machos und Korruption an der Tagesordnung sind, gern auch miteinander verbunden. Letzteres ist etwas, was nicht wirklich überrascht. In der WDR-Reihe "Noller liest" wurde ein Interview mit dem Autor veröffentlicht.




Die Bestsellerautorin Rebecca Gablé hat mit Die fremde Königin einen weiteren historischen Roman vorgelegt, der diesmal die deutsche Geschichte zwischen 951 und 962 abdeckt, als König Otto I. regierte und sich zum Kaiser krönen ließ. Die wahren und erfundenen Anteile der Geschichte strotzen vor Intrigen, Morden, Liebe und Verrat. Das Buch hat ein stilistisches Merkmal, das Gablé-Fans schon aus der Waringham-Reihe wie z. B. dem Band Der Palast der Meere kennen. Welches? Lest selbst! Der Verlag hat ein Video bereitgestellt, in dem Rebecca Gablé über ihr neuestes Buch spricht:













Vom Deutschland des Mittelalters geht es mit Jugend ohne Gott von Ödön von Horváth in das Deutschland des Nationalsozialismus'. Ein Lehrer an einem Gymansium erlebt, wie die braune Ideologie in das gesamte Leben der Deutschen einsickert und auch die Schule nicht davon verschont bleibt. Der Roman erzählt von Verrohung, Gefühlskälte und Mitläufertum und beschäftigt sich mit der Frage, ob unter solchen Bedingungen Gott überhaupt eine Chance hat. Trotz dieses Hinweises handelt es sich nicht um ein unbedingt religiöses Buch. Bereits vor 80 Jahren erschienen, aber immer noch aktuell.
Der Roman wurde 1991 mit Ulrich Mühe verfilmt, hier gibt es den Trailer.


War für euch ein Buch dabei?

Freitag, 28. Juli 2017

# 110 - Mal wieder ein Klassiker

Wie weit kann sich ein Mensch moralisch verbiegen?

 

Der im damaligen Österreich-Ungarn und heutigem Kroatien geborene Schriftsteller Ödon von Horváth ist den meisten Menschen heute allenfalls noch in Zusammenhang mit der Schullektüre bekannt, die irgendwann einmal beschafft und im Unterricht gelesen werden musste. Doch das Leben des Autors und die Bedingungen, unter denen seine Bücher erschienen sind, sind nahezu in Vergessenheit geraten. Mit Jugend ohne Gott gelang ihm ein schriftstellerischer Erfolg, der jedoch kommerziell gesehen nur kurz anhalten sollte: 1938, nur ein Jahr nach dem Erscheinen des Titels, wurde das Buch auf die "Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt und auf dem Gebiet des Deutschen Reichs vernichtet.

Konformismus als Richtschnur des Lebens

 

Ein Lehrer an einem Gymnasium, der im Buch namenlos bleibt, muss während der Zeit des Dritten Reichs einen Stapel Aufsätze zum Thema "Warum müssen wir Kolonien haben?" korrigieren. Die Vorstellung der Schulaufsichtsbehörde, wie an diese Frage heranzugehen ist, ist ihm klar und deckt sich nicht zufällig mit der der Machthaber. Der Lehrer hat zu diesem Zeitpunkt bereits resigniert, um sich nicht ständig ärgern zu müssen. Doch dann ist da in einem der Aufsätze dieser eine Satz, der ihn stocken lässt: "Alle Neger sind hinterlistig, feig und faul." Er unterdrückt seinen ersten Impuls, diese Aussage als Verallgemeinerung zu tadeln, denn erst kurz zuvor hat er sie in einem Restaurant gehört, wo sie als Teil der Propaganda aus einem Lautsprecher tönte. Doch bei der Rückgabe der Hefte kann sich der Lehrer den Hinweis nicht verkneifen, dass die Neger doch Menschen sind. Das soll nicht ohne Folgen bleiben: Der Vater des Schülers beschwert sich umgehend bei ihm und wirft ihm "Sabotage am Vaterland" vor. Der Hinweis auf die Bibel, in der stehe, dass doch alle Menschen Menschen sind, verpufft und der aufgebrachte Vater begründet die offizielle Sichtweise auf die Neger damit, dass es damals, als die Bibel geschrieben wurde, noch keine Kolonien gegeben habe. Er scheut sich auch nicht, seiner Empörung bei der Aufsichtsbehörde Luft zu machen. Der Lehrer wird daraufhin von seinem Rektor darauf hingewiesen, dass die Schule in erster Linie die Aufgabe hat, ihre Schüler für den Krieg zu erziehen. Auch dem Rektor gefällt diese eingeschlagene politische Richtung nicht, aber er hat sich für die Aussicht auf eine volle Pension entschieden und ist dafür bereit, seine eigenen moralischen Grundsätze über Bord zu werfen. 

Früh übt sich, was ein guter Soldat werden soll

 

Direkt nach Ostern beginnt anstelle von Ferientagen ein einwöchiges Zeltlager der ganzen Klasse, das den Zweck einer vormilitärischen Ausbildung hat. Der Lehrer sowie ein pensionierter Unteroffizier haben die Aufsicht über die Jungen, doch in dieser Woche geschieht ein Drama: Einer der Schüler wird im nahen Wald tot aufgefunden. Er wurde offensichtlich erschlagen. Die polizeilichen Ermittlungen fokussieren sich rasch auf einen Klassenkameraden, sodass sich dieser schon kurz danach nur aufgrund von Indizien vor Gericht wiederfindet. Der Fall erregt großes öffentliches Aufsehen, in der Presse wird der angeklagte Schüler bereits wie ein überführter Täter behandelt, obendrein legt er ein Geständnis ab. Doch man ahnt es bereits: Der Prozess nimmt plötzlich einen ganz anderen als den erwarteten Verlauf, und der Leser blickt in menschliche Abgründe, die sich wie ein Krater vor ihm auftun. Die Aussage des Lehrers, die ein entscheidendes Detail enthält, soll die Wende bringen.

Lesen?

Jugend ohne Gott ist auch 80 Jahre nach seiner Veröffentlichung ein sehr lesenswertes und aktuelles Buch. Ödön von Horváth stellt hier nicht nur die Frage, inwieweit der Einzelne bereit ist, Unrecht zugunsten des persönlichen Vorteils zu ignorieren, sondern macht auch auf soziale Mechanismen aufmerksam, die bis heute Bestand haben. Das beginnt mit nicht hinterfragten Vorurteilen gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen und hört mit einer "Hängt ihn höher"-Denkweise noch lange nicht auf. Das Buch ist durchzogen von der Frage, ob es möglich ist, angesichts einer Kälte und Härte in der Gesellschaft noch an einen Gott zu glauben. Der Lehrer beantwortet diese Frage am Ende des Buches für sich und trifft eine Entscheidung, die sein bisheriges Leben völlig verändert.
Jugend ohne Gott erschien 1937 im Allert de Lange-Verlag, der deutschsprachigen Exil-Schriftstellern, deren Werke im Deutschen Reich verboten waren, die Möglichkeit bot, weiter zu veröffentlichen. Näheres über diesen Verlag und die Hintergründe seines Entstehens habe ich in meiner Rezension des Buches Schreiben im Exil - 1933-1935 erläutert.
Die mir vorliegende Ausgabe von Jugend ohne Gott ist 1983 als Suhrkamp-Taschenbuch herausgegeben worden und kostete 7,-- DM. Heute ist der Titel u. a. in einer kommentierten Ausgabe bei Suhrkamp für 7,50 € und im Anaconda-Verlag erhältlich.

Freitag, 21. Juli 2017

# 109 - Eine Geschichte aus dem Mittelalter

Spannender Historienroman 

 

Rebecca Gablé ist bekannt für ihre lebendig geschriebenen historischen Romane, und Die fremde Königin fügt sich nahtlos in die Reihe der erfolgreichen Bücher der Autorin ein. Diesmal geht es um Adelheid von Burgund, die ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes König Lothar II. von Italien König Otto I. heiratet. Diese auch aus taktischen Gründen geschlossene Ehe rief erwartungsgemäß einige Gegner auf den Plan und führte auch in der eigenen Familie zu Verwerfungen. Die fremde Königin knüpft an die Handlung des Romans Das Haupt der Welt an. 

Historische Fakten geschickt verwoben mit Erfundenem

 

König Lothar II. von Italien wird 950 Opfer eines Giftmordes, und so ist seine Frau Adelheid im Alter von 19 Jahren plötzlich verwitwet. Markgraf Berengar von Ivrea steckt hinter dem Anschlag: Sein halbwüchsiger Sohn Adalbert soll die junge Witwe heiraten und so zum König von Italien aufsteigen. Doch auch die Kerkerhaft in Garda unter widrigsten Umständen kann Adelheid nicht dazu bringen, sich ein Ja-Wort abzuringen. Mithilfe des Panzerreiters Gaidemar gelingt ihr 951 zusammen mit ihrer kleinen Tochter Emma und ihren Begleitern die Flucht aus dem Verlies, und die Gruppe findet in der Burg des Grafen von Canossa Unterschlupf. Währenddessen ist König Otto I. über die Alpen gezogen, hat Berengar aus Pavia vertrieben und seinen Bruder Heinrich Herzog von Bayern ausgesandt, um Adelheid nach Parvia zu eskortieren. Der Zweck ist klar: Wie im Adel des Mittelalters üblich, soll auch diese Verbindung eine Zweckehe sein, die Otto zum König von Italien macht. Außerdem braucht Otto mehr Söhne, damit es nach seinem Tod kein Problem bei der Thronfolge gibt. Doch Otto und Adelheid haben ein weiteres großes Ziel: Der König plant die Errichtung einer prächtigen Pfalz in Magdeburg und die Gründung des Erzbistums Magdeburg, und sowohl er als auch seine Frau streben die Kaiserkrönung an. Doch zuvor müssen zahllose Intrigen überstanden und überlebt werden, ehe es in Rom dazu kommen kann. Auch die Pest, an der Otto 956 in Köln erkrankt, ist eine schwere Prüfung.

Pageturner bis zur letzten Seite

 

Rebecca Gablé spannt den Bogen von August 951 bis Januar 962, dem Zeitpunkt der Krönung des Königspaares zum Kaiser bzw. zur Kaiserin durch Papst Johannes XII. Wie schon in ihren anderen Romanen verwebt sie gekonnt historisch belegte Tatsachen mit selbst erdachten Personen und Handlungen. Am Ende ihres Buches weist sie jedoch detailliert auf alles hin, was ihrer Phantasie entsprungen ist.
Ebenfalls typisch für die Autorin sind Personen oder Personengruppen, die dem gesamten Verlauf einen roten Faden geben. In der fünfteiligen Reihe um die Familie Waringham (siehe auch Der Palast der Meere) war es eben diese, die alle Titel der Reihe durchzog und die Handlung zusammenhielt, die es aber nie gegeben hat. In Die fremde Königin ist es der Panzerreiter Gaidemar, der für den Fortgang des Romans unverzichtbar ist: Der junge Mann ist insbesondere gegenüber Adelheid sehr loyal, mutig und ehrlich und hat einen weichen Kern unter seiner harten Schale. Schade, dass auch er nicht gelebt hat.

Die fremde Königin ist bei Bastei Lübbe erschienen, hat inkl. des Nachworts ca. 760 Seiten und kostet in der gebundenen Ausgabe 26,-- €, als Audio-CD 20,99 €, als Kindle- oder epub-Edition 19,99 € und als Hörbuch 44,95 € (ungekürzt) oder 20,95 € (gekürzt). 

Vielen Dank!

Dieses Buch wurde mir als Rezensionsexemplar vom Inhaber der Hemminger Buchhandlung, Herrn Stefan Koß, zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke. Herr Koß bietet ein breites Spektrum unterschiedlichster Bücher an und besorgt nicht im Laden vorrätige Titel innerhalb eines Werktages.  
  

Dienstag, 18. Juli 2017

Veröffentlichung Marta Monti bei Indie Publishing

Zum Monatsbeginn hatte ich den Roman Der mit den Glasaugen der schweizerischen Autorin Marta Monti vorgestellt. Wer die Rezension gelesen hat weiß, dass das Buch bei mir nicht besonders gut weggegkommen ist. Das hat Indie Publishing, ein Angebot der Fachzeitschrift buchreport, jedoch nicht gehindert, sie zu veröffentlichen. Die Rezension ist im Indie-Publishing-Katalog bereits online lesbar und erscheint außerdem mit der nächsten gedruckten Ausgabe des Katalogs im Dezember 2017.

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