Freitag, 19. Januar 2018

# 132 - Die Zeit heilt nicht alle Wunden

Mysteriöse Morde in Südtirol

 

28. April 1985: In der Gegend um die Bletterbachschlucht in den Dolomiten tobt tagelang ein Gewitter, das so stark und ausdauernd ist, dass sich niemand an ein ähnlich schweres Unwetter erinnern kann. Drei junge Menschen aus dem nahen Dorf Siebenhoch sind kurz zuvor zu einer Wanderung aufgebrochen und wurden seitdem nicht mehr gesehen. Die Bergretter machen sich trotz des schlechten Wetters auf den Weg und finden die drei Wanderer nach einigen Stunden Suche - tot und auf grausame Art und Weise verstümmelt. Der Anblick von Evi, Kurt und Markus ist so schrecklich, dass die erfahrenen Retter stundenlang nicht in der Lage sind, sich zu rühren. Dieser Mord bestimmt die Handlung des Thrillers Der Tod so kalt des aus Bozen stammenden Autors Luca D'Andrea.

Die Mauer des Schweigens

 

Die Handlung wird aus der Sicht des amerikanischen Dokumentarfilmers Jeremiah Salinger erzählt. Er ist mit Annelise verheiratet, die aus Siebenhoch stammt, und hat mit ihr eine fünfjährige Tochter, Clara. Als Salinger sich an einem beruflichen Tiefpunkt befindet, stimmt er Annelises Vorschlag zu, ein paar Monate in der Abgeschiedenheit und Ruhe Siebenhochs zu verbringen, um vom Film Abstand zu bekommen und zu überlegen, wie es weitergehen soll. Salingers Schwiegervater Werner lebt dort und erzählt seinem Schwiegersohn kurz nach der Ankunft der kleinen Familie von einem tödlichen Bergungfall, der sich 1950 in der Nähe von Siebenhoch ereignet hat. Fünf junge Männer waren damals zum Zwölferkofel gewandert, aber nur zwei von ihnen kamen lebend wieder zurück. Einer von ihnen war Werner. Für ihn war dieses Unglück der Anlass, für die Gründung der Bergrettung zu kämpfen, die nun, dreißig Jahre später, über einen Hubschrauber und einen Arzt verfügt.
Die Geschichte löst bei Salinger den Wunsch aus, einen Film über den Alltag der Bergretter zu drehen. Mehrere Wochen begleitet er die Arbeit der Bergretter zusammen mit seinem Freund Mike, bis es eines Tages darum geht, eine Touristin aus einer Gletscherspalte zu retten. Weil Salinger darauf besteht, zum Filmen in die Spalte herabgelassen zu werden, kommt es zu einer Lawine, die fünf Menschen das Leben kostet und Salinger unter sich begräbt. Er wird gerettet, leidet jedoch an PTBS - posttraumatischen Belastungsstörungen. In dieser Phase erfährt er zufällig von der Bluttat von 1985, die bei den Einheimischen unter dem Namen "Bletterbach-Massaker" bekannt ist. Der Mörder läuft seit damals noch frei herum. Salinger beschließt, herauszufinden, wer diese drei jungen Menschen vor dreißig Jahren hingerichtet hat. Doch je mehr er im Dorf nachfragt, umso feindseliger wird die Stimmung, die ihm entgegenschlägt. Plötzlich erscheinen Salinger auch diejenigen verdächtig, etwas mit den Morden zu tun zu haben, die ihm bislang freundlich begegnet sind - allen voran sein Schwiegervater. Auch ein Jaekelopterus rhenaniae, ein Seeskorpion, der (eigentlich) vor 400 Millionen Jahren gelebt hat, gerät kurzzeitig in den Verdacht, für das Gemetzel verantwortlich gewesen zu sein.

Wie war's?

 

Der Tod so kalt ist ein insgesamt spannendes Buch. Auf einige "Schleifen" hätte D'Andrea aber gern verzichten können. Dazu gehören das Zwischenspiel des Jaekelopterus rhenaniae, das wie an den Haaren herbeigezogen wirkt, und die manische Besessenheit, die Salinger antreibt. Sie ist so ausufernd, dass er seine Familie darüber grob vernachlässigt und es beinahe zur Trennung von seiner Frau kommt. 
Das Szenario eines Fremden, der auf eine gewachsene und geschlossene Dorfgemeinschaft trifft und nicht wahrhaben will, dass Annäherung vor allem Zeit braucht, ist nicht neu und fast schon der Klassiker in Büchern, deren Handlung in den Bergen angesiedelt ist. Dass die Dorfbewohner Salinger die Schuld am Tod der Bergretter geben, trägt zur Entfremdung bei. Mein Eindruck ist also eher zwiespältig, sodass ich den Thriller nicht uneingeschränkt empfehlen kann.
Wer sich selbst ein erstes Bild machen will, kann das mit diesem Buchtrailer:



Der Tod so kalt ist erschienen bei Deutsche Verlags-Anstalt und kostet als Taschenbuch 14,99 Euro sowie als epub- oder Kindle-Ausgabe 11,99 Euro. Das Hörbuch wird als MP3-CD für 8,99 Euro angeboten (gekürzte Fassung).
Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

Samstag, 13. Januar 2018

Gewonnen! Zwei spannende Bücher von Ina Kloppmann

Wenn der Postmann zweimal klingelt...

 

Okay, einmal klingeln hat gereicht: Heute habe ich meinen Gewinn einer Verlosung der Online-Zeitschrift Leineblitz.de erhalten. Verlost wurde Hassliebe, der neueste Krimi der hannoverschen Autorin Ina Kloppmann, aber bekommen habe ich sogar zwei Bücher: Ina hat mir zusätzlich noch die Doppelausgabe ihrer beiden vorangegangenen Krimis Bereue und Anders ins Paket gelegt.  
Ina, ich habe mich total gefreut und bedanke mich sehr herzlich! 


 


Hassliebe spielt sogar zum Teil in meinem Wohnort Hemmingen bei Hannover, was es für mich natürlich noch interessanter macht. Eines ist klar: Sobald ich die Bücher gelesen habe, melde ich mich an dieser Stelle wieder.




Rathaus von Hannover

Donnerstag, 11. Januar 2018

Das war's schon wieder: Das Bücherkisten-Jahr 2017 ist vorbei

Sehr viel Gutes, ab und zu Mäßiges, aber immer viel Abwechslung

 

Die meisten Bücher, die ich euch 2017 vorgestellt habe, haben mir gut oder sogar sehr gut gefallen. Ich zeige euch hier mit meinen Tops und Flops des Jahres die Bücher, die für mich ganz weit vorn waren und die, die durchs Raster gefallen sind.

Meine Favoriten

 

Sachbücher


Ich habe ein gewisses Faible für Sachbücher, darum kommen sie jetzt zuerst dran. Zu denen, die mir am besten gefallen haben, gehört 70 - DER SPIEGEL - 1947-2007. Egal, welche politische Einstellung man hat und wie man die Zeitschrift grundsätzlich finden mag: Dieses Buch ist lebendige deutsche und internationale Geschichte und wartet zusätzlich mit tollen Fotos auf. 

 

 

 

 

Überzeugt hat mich Die 7 größten Irrtümer über Frauen, die denken von Beatrix Langner. Ihr Essay beleuchtet sehr anschaulich, welches Bild sich Männer bis vor etwa 50 Jahren von Frauen gemacht haben und wirbt für einen gemeinsamen Blick von Frauen und Männern auf die Probleme unserer Zeit. Das tut die Germanistin und Literaturkritikerin unterhaltsam und sachlich, ohne sich in feministische Floskeln zu verlieren. 





Baskisch ist ein großartiges Kochbuch des Spaniers José Pizarro, der sich seit Langem mit mehreren Restaurants in London als Spitzenkoch etabliert hat. Hier werden nicht nur die Rezepte erläutert, sondern die Leser mit zahlreichen Fotos auf das Baskenland neugierig gemacht. Wer noch nie in dieser nordspanischen Provinz war, will nach dem Durchblättern dieses Buches hin. 



In seinem Buch Verstehen Sie Geld? erklärt der Finanzmarktanalyst Davut Çöl seinen Lesern alles, was sie über das Thema Geld wissen sollten: Woher kommt es? Wie sollte man damit umgehen? Welche Geldkreisläufe gibt es? Was hat es mit den "Rettungsschirmen" der Euro-Staaten auf sich? Alles einfach und mit zahlreichen Beispielen erklärt.   




Der Medienwissenschaftler Stefan Russ-Mohl macht sich in seinem Buch Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde Gedanken, welche Entwicklung die Medien innerhalb der letzten Jahre durchgemacht haben. Werden sie zu Recht als "Lügenpresse" beschimpft? Hat die Qualität der Nachrichten gelitten? Und wenn ja: warum?





Romane

 

Bei den Romanen steht für mich Die fremde Königin von Rebecca Gablé weit vorn. Die erfolgreiche Schriftstellerin entführt die Leser in die Jahre 951 bis 961: Königin Adelheid von Burgund heiratet König Otto I. und durchlebt mit ihm etliche Höhen und Tiefen. Der Höhepunkt ihres Lebens ist die Krönung zum Kaiser bzw. zur Kaiserin durch Papst Johannes XII. 



 

Sehr gut hat mir auch Palast aus Staub und Wind, das erste Buch des Autors Haroon Gordon, gefallen. Es handelt von Baptiste, der vor Kurzem Witwer geworden ist, und seiner ungewöhnlichen Freundschaft mit Gabriel. Als Kinder und Jugendliche sind die beiden, die in einem algerischen Frauengefängnis aufwachsen, unzertrennlich. Doch irgendwann lüftet sich das dunkle Geheimnis, das zwischen ihnen steht, und es kommt zur gewaltsamen Eskalation. 

 

 

 

Fans von Dystopien wird Chlorophyll von M. J. Herbert gefallen. In Finnland beginnt mitten im Winter ein Phänomen, das sich schnell epidemisch ausbreitet: Alle Pflanzen verlieren ihr Chlorophyll und ihr Laub färbt sich orange. Eine ganze Weile ist völlig unklar, was hinter dieser Seuche steckt, die nach und nach die Pflanzen von der Erde eliminiert und dafür sorgt, dass eine globale Hungersnot ausbricht. Den Forschern sitzt die Zeit im Nacken, denn im Überlebenskampf zählt nur noch: Jeder ist sich selbst der Nächste.  

 

Ein morbider Spaß ist der Roman Die letzten vier Tage des Paddy Buckley von Jeremy Massey. Der irische Bestatter Paddy durchlebt eine Pechsträhne, die sich gewaschen hat. Als er dann auch noch den Bruder des gefährlichsten Gangsters von Dublin anfährt und ihn tödlich verletzt, hängt sein eigenes Leben an einem seidenen Faden. Im Buch reiht sich eine absurde Szene an die andere, doch dank Masseys plastischer Sprache wirkt die Handlung glaubwürdig und authentisch. 




Geister von Nathan Hill ist ein spannender Familienroman, der von den 1920er-Jahren bis heute reicht und im Laufe der Handlung mehrere Themen streift, die wichtig waren oder es noch sind - Pädophilie kommt ebenso vor wie die Occupy-Wallstreet-Bewegung. 







In Die Ermordung des Glücks setzt Friedrich Ani seinen Münchener Ex-Ermittler Jakob Franck zum zweiten Mal auf einen Mordfall an. Ein elfjähriger Junge verschwindet auf dem Heimweg von der Schule spurlos und wird Wochen später tot aufgefunden. Dank Francks akribischer und unaufgeregter Nachforschungen kommt der Fall zu einem überraschnden Ende. 






Es gab nicht nur gute Bücher: Hier kommen meine persönlichen Flops des Jahres 2017

 

Sachbuch


Das Buch Wann Sie eine Bank überfallen sollten der amerikanischen Journalisten und Ökonomen Stephen J. Dubner und Steven D. Levitt verspricht mit diesem Buchtitel mehr, als es hält. Ihr in den USA bekannter Blog Freakonomics diente offensichtlich als Textquelle. Da das schon bei den beiden vorangegangenen Büchern so gehandhabt wurde, ist dieser Titel so etwas wie ein Kehraus. Man verpasst nichts, wenn man das Buch links liegen lässt. 


Roman

 

Der mit den Glasaugen von Marta Monti ist ein in der Umgebung von Bern spielender Krimi. Der fünfjährige Jan ist verschwunden, eine Entführung kann nicht ausgeschlossen werden. Der Kreis der Verdächtigen wird immer größer. Nach eineinhalb Jahren wird das Kind tot in einer Felsspalte gefunden. Das Ermittlerduo Beta Bianca und Benno Bertschi ist dem Mörder auf den Fersen. Der Krimi schafft es trotz des guten Plots nicht, Spannung zu entwickeln, weil vieles zu vorhersehbar ist. Die Logikfehler und das nicht oder nicht ausreichend durchgeführte Lektorat tun ihr Übriges. 
            

Montag, 8. Januar 2018

# 131 - Kennt ihr Deutschland?

So gründlich lernt man das Land hier kennen

 

Was genau wissen wir über Deutschland? Wir können die Bundesländer aufzählen, hoffentlich mit den Hauptstädten, und wissen ein paar Geschichtsdaten. Wer seine Urlaube in Deutschland verbringt, kann etwas über die jeweiligen Regionen sagen. Das war's dann meistens auch schon. Das Gesicht Deutschlands des promovierten Biologen Bernd-Jürgen Seitz, der sich in der Landesverwaltung hauptberuflich mit dem Naturschutz und der Landespflege beschäftigt, bietet auch für diejenigen, die glauben, schon alles zu wissen, neue Einblicke. 

Was machte Deutschland zu dem, was es heute ist?

 

Diese Frage ist keinesfalls politisch, sondern historisch, geologisch, ökologisch und biologisch gemeint. Seitz setzt bei seinen Lesern keine besonderen Vorkenntnisse voraus, sondern beginnt praktisch bei null: Wo befinden sich die einzelnen Städte, Flüsse und Gebirge? Welche geologischen Besonderheiten kennzeichnen die einzelnen Gebiete Deutschlands und welche Tiere und Pflanzen werden typischerweise wo und warum in den einen oder anderen Lebensräumen angetroffen?
Nach dieser Einführung dreht er die Zeit zurück und teilt die deutsche (Erd-)Geschichte wie das Zifferblatt einer Uhr auf: Für jede Epoche wird erläutert, inwiefern die jeweiligen Veränderungen und Entwicklungen Auswirkungen auf die Natur und das Leben der Menschen hatten. Fachvokabular wird nur dort verwendet, wo es nötig ist, und immer unmittelbar erklärt.

Wo liegen in Zukunft die Schwerpunkte?

 

Bernd-Jürgen Seitz zeigt, um welche Probleme man sich in nächster Zukunft kümmern muss. Ganz vorn steht der Klimawandel und seine Folgen, aber auch der immer noch viel zu große Landschafts- und Flächenverbrauch durch Bebauung und die Ausweitung der Infrastruktur muss eingedämmt werden. Kritisch sieht er auch die stetige Intensivierung der Landwirtschaft und den Trend zu Monokulturen. Er spricht hier insbesondere die Umweltschäden an, die die Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes im Jahr 2000 nach sich gezogen hat: Seitdem der Anbau von Energiepflanzen für Biogasanlagen dank der Fördergelder für Landwirte lukrativer ist als der von Futter- und Nahrungspflanzen, schreiten Erosion und Bodenzerstörung deutlich voran.
Weiteren Verbessserungsbedarf gibt es auch bei der Nachhaltigkeit, wobei es hier immer wieder zu Interessenkonflikten zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Zielen kommt.  
Aber er bewertet die zahlreichen Einrichtungen von Naturparks und Biosphärenreservaten positiv. Die betroffenen Bürger lassen sich hiervon besonders gut überzeugen, wenn sie am Entstehungsprozess beteiligt sind und für sich wirtschaftliche Vorteile sehen; Letzteres ist eher keine Überraschung.

Alle Bundesländer auf einen Blick

 

Im letzten Kapitel widmet sich Seitz den einzelnen Bundesländern und geht dabei nicht nur auf statistische Daten ein, sondern gibt vor allem Hinweise, wo sich die jeweiligen Landschaften eines Bundeslandes besonders gut erleben lassen und wo Besucher Museen finden, die sich mit landschaftlichen, erdgeschichtlichen und naturkundlichen Themen befassen. Das Buch wird sehr gut durch seine zahlreichen Landschafts-, Tier- und Pflanzenfotos sowie Grafiken abgerundet. 
Das Gesicht Deutschlands eignet sich auch für Leser, die sich mit dem Thema noch nicht beschäftigt haben und ist durchgehend sehr gut verständlich geschrieben. Wer mehr über Deutschland und seine Landschaften wissen will, dem kann dieses Buch empfohlen werden.

Das Gesicht Deutschlands ist beim Theiss Verlag, einem Imprint der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt, erschienen und kostet als Hardcover 49,95 Euro sowie als eBook (epub oder pdf) 39,99 Euro. Ich bedanke mich bei Agentur Literaturtest, die mir das Buch zur Verfügung gestellt hat.

Sonntag, 7. Januar 2018

Ein Interview mit mir von Christian Gera von bloggerherz.de

Wer bin ich? Warum und seit wann blogge ich? Auf jede Frage eine Antwort.

 


https://www.bloggerherz.de/2018/01/02/blogger-interview-64-bloggerherz-trifft-auf-ina-degenaar-von-inasbuecherkiste/


+Christian Gera  hat mir kürzlich eine ganze Reihe Fragen rund ums Bloggen gestellt, und nicht immer konnte ich "wie aus der Pistole geschossen" antworten. Aber er hat es geschafft, den Nerv zu treffen und mich zum Nachdenken zu bringen. Da meine Blogs ein Hobby und nicht dazu da sind, um Geld zu verdienen, ist die Frage nach dem Grund und Auslöser fürs Bloggen nicht einfach nur mit "Weil es mir Spaß macht" zu beantworten, denn beide Blogs nehmen eine ganze Menge Zeit in Anspruch. 
Aber das Interview hat mir Spaß gemacht, und wenn es Euch auch gefällt, dann wäre es toll, wenn Ihr es teilen würdet. Ich sage schon mal "Danke"!

Zum Interview geht es hier.




 

Freitag, 29. Dezember 2017

# 130 - Was gibt's Neues?

Dinge aus einer anderen Perspektive sehen

 

Das Lesebuch Denkanstöße 2018 von Isabella Nelte habe ich buchstäblich im Vorbeigehen gekauft, als ich in "meinem" Buchladen andere bereits bestellte Bücher abgeholt habe. Mich hat interessiert, was die Literaturwissenschaftlerin Nelte für wichtig halten würde und wessen Texte sie ausgewählt hat.

Was war? Was ist? Was kommt?

 

Das Buch ist zwar nicht nach diesen drei Fragen unterteilt, aber grundsätzlich ist das seine Struktur. Der Hamburger Professor Markus Friedrich macht sich um die historische Rolle der Jesuiten und ihre innere Zerrissenheit Gedanken, und Lothar Gall beschäftigt sich mit der Rolle des kurhannoverschen Reformers und Staatsmanns Karl August Fürst von Hardenberg. Was jetzt "trocken" erscheint, ist es nicht: In beiden Texten wird anschaulich erläutert, welche Schwierigkeiten jeweils vor dem Hintergrund der damaligen Umstände und Gepflogenheiten bewältigt werden mussten und wie dies gelang - oder auch nicht.
Im Abschnitt Gesellschaft und Psychologie beschreibt der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, was zum zivilisierten Streiten gehört. Sehr interessant ist hier seine Unterscheidung von Toleranz und Akzeptanz und die Überlegung, wo die Toleranz (die Fähigkeit, eine Last zu erdulden) ihre Grenzen hat oder haben sollte. Das ist ein Thema, bei dem es aktuell in vielen Diskussionen heiß hergeht.

Wie sollte der Mensch sterben? Und was macht die Vergangenheit mit uns?

 

Mit einem heiklen Thema beschäftigt sich der Anästhesist Matthias Thöns, der als Palliativmediziner tätig ist. Er prangert den Umgang mit Menschen in ihrer allerletzten Lebensphase an: Viele Todkranke werden mit quälenden Methoden der Hightech-Medizin am Leben gehalten, anderen werden komplizierte und schmerzhafte Eingriffe zugemutet - all das, weil eine Patientenverfügung, die den Willen eines Menschen dokumentiert, fehlt und Krankenhäuser ihre Technik auslasten wollen.

Die Publizistin Andrea Senfft beschäftigt sich mit der Frage, warum selbst Erlebtes aus der Zeit des Dritten Reichs als Tabu gilt und was das Schweigen der Mitläufer (oder Täter) bei den Angehörigen bis hin zu den Enkeln bewirkt. 

In einem weiteren Text des Publizisten Helge Hesse geht es um die Freundschaft zwischen dem Ökonomen John Maynard Keynes und dem Philosophen Ludwig Wittgenstein; in ihren Begegnungen befassten sie sich immer wieder mit den großen Fragen des Lebens. Die beiden Wissenschaftler gingen mit der Frage nach dem Sinn ihres Lebens allerdings sehr unterschiedlich um.

Aber auch die Leser, die sich für die Zukunft und technische Entwicklungen interessieren, kommen nicht zu kurz: Prof. Metin Tolan, der an der Technischen Universität Dortmund Experimentelle Physik lehrt, setzt sich mit der Technik der STAR TREK-Filme auseinander und überprüft, ob das, was dort gezeigt wird, im 23. oder 24. Jahrhundert Wirklichkeit werden kann oder sogar schon geworden ist. Da geht es um das künstliche Herz von Captain Jean-Luc Picard, den VISOR des Chefingenieurs Lieutenant Commander Georgi La Forge oder die Frage, warum Spocks Adern so blau erscheinen wie bei einem Menschen, obwohl er kein rotes, sondern grünes Blut hat.

Wie war's?

 

Denkanstöße 2018 gibt unterschiedliche Einblicke in sehr verschiedene Gebiete und überzeugt nicht zuletzt durch die Kompetenz der Autoren. Wer sich mit ungewöhnlichen Themen beschäftigen möchte, dem wird dieses Buch gefallen.

Denkanstöße 2018 ist beim Piper Verlag als Taschenbuch erschienen und kostet 9,-- Euro.  

Freitag, 22. Dezember 2017

# 129 - Der Alptraum von Pauschaltouristen lauert in Kirgisistan

Wellblech, Pferde und ganz viel Landschaft

 

In dem Buch Ohne Plan durch Kirgisistan des Journalisten Markus Huth vereint sich so einiges: sowohl der größte anzunehmende Unfall für Fans von durchorganisierten Pauschalreisen als auch die Erfüllung aller Träume für abenteuerlustige Backpacker. Huth gehört ganz klar zur zweiten Kategorie, als er in einer Lebenskrise auf das Angebot seines österreichischen Freundes Franz eingeht, einen Monat lang auf eigene Faust zusammen Kirgisistan zu erkunden. Er erhofft sich auch, nach der Reise zu wissen, wie es mit seinem Leben, das in einer Sackgasse angekommen zu sein scheint, weitergehen soll. 
Kirgisistan ist von drei weiteren -stan-Staaten (Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan) und China eingekreist, von denen man immer mal wieder Meldungen in den Nachrichten hört. Meistens solche, die etwas mit Waffen oder Aufständen zu tun haben. 
Die Reisevorbereitung beschränkt sich auf die Buchung der Flugtickets nach Bischkek und das Packen des Nötigsten. Das war's. Kein Smartphone, kein Tablet. Das Auswärtige Amt warnt nicht nur davor, in Kirgisistan im Dunkeln zu Fuß unterwegs zu sein, sondern weist auch auf die Aktivitäten von terroristischen islamischen Gruppen hin. Aber die beiden kann das nicht beirren, und sie treten ihre Reise an.

Touristische Sehenswürdigkeiten? Reichlich, aber anders

 

Die Hauptstadt Bischkek wird im Reiseführer als frei von Sehenswürdigkeiten beschrieben, aber der Ala-Too-Platz mit seinen sozialistischen Monumentalbauten und Statuen des Volkshelden Manas sowie des kirgisischen Schriftstellers Tschingis Aitmatow zieht die Menschen an. Die beiden Reisenden sind auf der Suche nach dem wahren Kirgisistan, aber hier finden sie nicht das, was sie erhofft haben. 
Mit den unterschiedlichsten Fortbewegungsmitteln setzen sie in den folgenden Wochen ihre Reise fort: In einem engen Minivan kommen sie den Mitfahrern sehr nah und erfahren, dass der traditionelle Brautraub immer noch üblich ist. Junge, hübsche Frauen im heiratsfähigen Alter werden entführt, zu einer vorbereiteten Hochzeitsfeier gebracht und sind schneller unter der Haube, als sie ihren Namen sagen können. Huth steigt zum ersten Mal in seinem Leben auf ein Pferd, das er wegen dessen unaussprechlichen kirgisischen Namens Alf nennt, und wandert mehr, als er es gewohnt ist, um auch die letzten landschaftlichen Highlights kennenzulernen. 

Was ist das Beste an Kirgisistan?

 

Für Markus Huth ist die Sache klar: Die raue Landschaft mit ihren klaren Seen und den schneebedeckten Bergen des Tian-Shan-Gebirges hat es ihm angetan. Er ist vom riesigen Bergsee Yssyköl ebenso beeindruckt wie von der Umgebung des Kurorts Altyn-Araschan. Die Städte, die er mit seinem Freund kennenlernt, versprühen eher postkommunistischen Charme: Löchrige Straßen und Zäune und Dächer aus Wellblech machen einen ziemlich desolaten Eindruck. Doch sie machen fast immer gute Erfahrungen mit den Menschen: Sie finden in jedem Ort eine Unterkunft - auch mal in einer plüschigen Porno-Villa - und Einheimische, die ihnen weiterhelfen. Huth und seinem Freund kommt zugute, dass sie beide sehr gut Russisch sprechen; mit Englisch kommt man in Kirgisistan keine zehn Meter weit. Am Schluss ihrer Reise machen Huth und sein Begleiter einen Abstecher in das Dorf Rot-Front, das von Deutschen gegründet wurde. Dieses merkwürdige Erlebnis werden sie sicher nicht vergessen.

Wie war's?

 

Ohne Plan durch Kirgisistan hat mir sehr gut gefallen. Markus Huth erzählt seine Erlebnisse in einem sehr unterhaltenden Tonfall und vermittelt seinen Lesern nebenbei allerhand Wissenswertes über dieses Land, das viele von uns nicht auf Anhieb auf der Landkarte finden würden. Man reist im Geiste mit und ist gespannt, was den beiden Freunden auf der nächsten Seite passiert. In der Mitte befinden sich 27 Farbfotos, die das Gelesene anschaulich machen.
Wenn es etwas an diesem Buch zu kritisieren gibt, dann den Umstand, dass Huth einzelne geschichtliche Hinweise mehrfach gibt. Aber das fällt angesichts des ansonsten sehr positiven Leseeindrucks nicht ins Gewicht.
Ohne Plan durch Kigisistan ist im Penguin Verlag erschienen und kostet broschiert 13,-- Euro sowie als epub- oder Kindle-Version 9,99 Euro.  
Das Buch wurde mir vom Bloggerportal zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanke.

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